Selbstbewusste Nervenstärke gegen rekordverdächtige Dominanz: Kann Außenseiter Bonn den Titelverteidiger München schocken?

Die besondere Brisanz liegt in der Gretchenfrage inmitten der Playoffs: Ist es für ein Team besser, eine Serie frühzeitig zu beenden und sich einige Tage auszuruhen? Oder ist es besser, die nächste Runde direkt vor der Brust zu haben, um im Rhythmus zu bleiben und nicht etwaigen Rost anzusetzen? Der FC Bayern Basketball wird zu erstem Ansatz tendieren. Denn der Titelverteidiger machte in seiner Viertelfinalserie gegen Trier kurzen Prozess mit dem Aufsteiger, dominierte rekordverdächtig (u.a. mit 99:62 im dritten Spiel) und wird nach dem 3-0 (womit die Bayern zwölf Ligaspiele in Serie gewonnen haben) sechs Tage Pause vor dem ersten Halbfinalspiel gehabt haben. Die Telekom Baskets Bonn mussten gegen Würzburg hingegen über die volle Distanz von fünf Spielen, beim 66:63-Erfolg im letzten Duell erneut in die Crunchtime und werden nur zwei Tage Pause gehabt haben.

Was wir bisher gelernt haben: Dass die Bonner die Crunchtime mögen, die Bayern (aufgrund ihrer Dominanz) die Crunchtime meiden. 13 Ligaspiele inklusive Playoffs von Bonn wurden mit maximal fünf Punkten Differenz entschieden, kein Playoff- bzw. Play-In-Team absolvierte mehr enge Spiele. Bemerkenswert: Das Team von Headcoach Marko Stankovic hat neun dieser 13 Spiele gewonnen. Die Bayern absolvierten hingegen nur fünf enge Spiele – die wenigsten aller Postseason-Teams. Wenn die Mannschaft von Svetislav Pesic in die Crunchtime muss, präsentiert sie sich aber nervenstark: Vier jener fünf Partien haben die Bayern gewonnen.

Rekordverdächtig: Die Bayern cruisten also ins Halbfinale. Bei ihrem Sweep gegen Trier verzeichnete der Titelverteidiger eine Punktedifferenz von insgesamt +85. Dominanter trat ein Team in den Playoffs zuletzt … 2015/16 auf, als die Bamberger mit 3-0 und einer Punktedifferenz von +113 Würzburg aus den Playoffs fegten.

Duelle im Fokus: Natürlich muss man den Spieler im Auge haben, der bislang der effektivste in diesen Playoffs ist, und das ist … Münchens Oscar da Silva. Obwohl der 27-jährige Big Man von der Bank kommt, führt er die Bayern mit 15,7 Punkten und 5,7 Rebounds an. Beeindruckend ist seine Treffsicherheit: da Silva hat 19 seiner 24 Würfe aus dem Feld (79,2 FG%) verwandelt! Er zeigt im Low-Post seine Finesse, was er auch ausnutzen könnte, wenn er im Duell der Vierer von der Bank auf Bonns Patrick Heckmann trifft. Könnte Marko Stankovic deswegen eher einen seiner physischen Starter auf da Silva ansetzen? Jeff Garrett und Michael Kessens könnten da Silva auch offensiv beschäftigen, weil sie in den Playoffs dort auch Akzente gesetzt haben: Kessens war mit 16 Punkten und zwölf Rebounds im entscheidenden fünften Spiel gegen Würzburg der mit Abstand effektivste Spieler der Partie, Garrett traf beim 80:76 im dritten Spiel den entscheidenden Dreier. Sowohl da Silva als auch Kessens standen in unserer Starting Five des Viertelfinals.

Ein Bonner Schlüsselspieler für den entscheidenden Sieg gegen Würzburg war auch Grayson Murphy. Der Spielmacher zeigte vor allem im dritten Viertel seine Vielseitigkeit, Murphy gehört zu den besten Passgebern der Liga. An seine Statistiken aus der Hauptrunde, als Murphy phasenweise auch in der MVP-Diskussion geführt wurde, kam er gegen Würzburg aber nicht heran, vor allem beim eigenen Abschluss schwächelte er (35,0 FG%; 17,6 3P%; 50,0 FT%). Gegen einen Verteidiger wie Justus Hollatz dürfte es für Murphy nicht gerade einfacher werden. Auf der Eins ist auch das Duell mit Nenad Dimitrijevic interessant, der dank 13,7 Punkten und 6,7 Assists der dritteffektivste Spieler des Viertelfinals war. Paradox: Er trifft in den Playoffs aus dem Feld (60,9 FG%) und von Downtown (66,7 3P%) besser als von der Linie (55,6 FT%).

Wenn wir schon beim Wurf sind: Liga-MVP Andi Obst hat in dieser Saison für die Bayern in 68 Pflichtspielen ganze 186 Dreier versenkt. Die Bonner als Team? 309 Dreier in 41 Pflichtspielen. Die Telekom Baskets haben in der Startformation in Joel Aminu und Tylan Birts gleich zwei gute Flügelverteidiger in den Reihen, die Obst verfolgen könnten, Birts machte im Viertelfinale einen guten Job gegen Würzburgs Spielmacher Marcus Carr. In einem Dreier-Shootout gegen Obst hätten die beiden Bonner aber schlechte Karten: Nach 28,7 Prozent in der Hauptrunde hat Birts gegen Würzburg nur 17,4 Prozent seiner Versuche von Downtown getroffen, Aminu steigerte sich immerhin von 26,8 auf 30,4 Prozent. Obst netzte gegen Trier 36,8 Prozent seiner Versuche ein, in Justinian Jessup (50,0 3P% gegen Trier) haben die Bayern auch noch einen zweiten Edelschützen in den Reihen, den es zu bewachen gilt.

Trainerduell im Fokus: In Münchens Svetislav Pesic und Bonns Marko Stankovic stehen sich zwei serbische Trainer gegenüber, die sich wohlwollend begegnen dürften, denn beide waren früher für Partizan Belgrad aktiv: Pesic spielte dort von 1967 bis 1971, Stankovic trainierte von 2007 bis 2017 diverse Jugendteams von Partizan. Während Stankovic' Zeit dort konnte er sich das erste Mal mit Pesic austauschen, Pesic war 2008/09 und 2011/12 nämlich als Headcoach von Roter Stern Belgrad aktiv. „Als junger Trainer freute es mich, mit einem so erfahrenen Trainer zu sprechen. Ich habe ihn über viele Jahre verfolgt. Er ist einer der erfolgreichsten Trainer Europas“, sagt Stankovic. Zum ersten Mal als Cheftrainer an der Seitenlinie standen sich beide aber erst im Rückspiel dieser Saison gegenüber. Um wieder in die Vergangenheit zu gehen: Pesic feierte seine erste Meisterschaft 1997 als Trainer von ALBA BERLIN gegen Bonn, nun möchte die Trainerlegende, die Stefan Koch hier in seiner Kolumne gewürdigt hat, seine sechste und letzte holen – und muss dabei erneut Bonn besiegen.

Details dazu und weitere Themen demnächst hier im Vorbericht

Medieninformation: easyCredit BBL